Wer an die Türkei denkt, sieht meist Küste: die Buchten von Bodrum, das Türkis vor Antalya, die Sonnenschirme der Ägäis. Das eigentliche Naturkapital des Landes liegt jedoch oft im Landesinneren. Die Seen in der Türkei erzählen von Salz und Vulkanen, von Flamingokolonien und Travertinterrassen, von Hochplateaus, auf denen im Oktober der erste Schnee fällt, während am Mittelmeer noch gebadet wird. Zwischen dem bewaldeten Nordwesten und dem vulkanischen Osten liegen über 1200 Kilometer und mehrere Klimazonen.
Gerade im September und Oktober, wenn die Hochsaison ausklingt und die Hitze Zentralanatoliens nachlässt, zeigen sich diese Orte von ihrer stillsten Seite. TRAVELPEARLS stellt neun Seen vor, die eine eigene Reise wert sind, ordnet ein, was sie bieten und was nicht, und verrät, wo sich Naturerlebnis und Komfort verbinden lassen.
Seen in der Türkei im Nordwesten: Sapanca, Abant und Yedigöller
Sapanca See: Das Wochenendrefugium der Istanbuler
Der Sapanca See ist für viele Istanbuler das erste Ausweichquartier, wenn die Stadt zu eng wird. Rund 150 Kilometer östlich der Metropole liegt er in den bewaldeten Hügeln der Provinz Sakarya. Bei klarem Wetter schimmert das Wasser türkisgrün, an den Ufern servieren Fischrestaurants den Fang des Tages. Kajakfahren, Vogelbeobachtung und Radtouren gehören zum Standardprogramm. Wer mehr als ein gepflegtes Naherholungsgebiet erwartet, sollte die Erwartungen kalibrieren: Am Wochenende herrscht Betrieb, unter der Woche kehrt Ruhe ein.
Für anspruchsvolle Gäste ist das Richmond Nua Wellness Spa die naheliegende Adresse: ein Haus ausschliesslich für Erwachsene, das sich ganz auf Spa, Ruhe und Seeblick konzentriert. Im Hinterland, im Bergdorf Maşukiye am Fuss des Kartepe, verstecken sich Bungalows zwischen Platanen und Bachläufen.
Abant See: Herbstfarben auf 1300 Metern
Gut eine Autostunde weiter östlich liegt der Abant See in der Provinz Bolu, auf rund 1300 Metern Höhe und umgeben von Kiefern- und Buchenwäldern, die unter Naturschutz stehen. Die Landschaft fotografiert sich zu jeder Jahreszeit anders: Im Oktober dominieren Kupfer- und Rottöne, im Mai helles Grün, im Januar liegt oft Schnee. Ein Rundweg von etwa sieben Kilometern führt um das Ufer, dazu kommen Reiten, Forellenfischen und Kutschenfahrten. Fünf-Sterne-Häuser wie das Abant Palace stehen neben einfachen Pensionen und Campingplätzen. Die Bandbreite ist ein Vorteil, macht aber auch deutlich, dass Abant kein exklusives Rückzugsziel ist.
Yedigöller: Sieben Seen im Nationalpark
Ebenfalls in Bolu liegt Yedigöller, benannt nach sieben Seen, die durch Erdrutsche entstanden sind. Das Gebiet ist seit 1965 Nationalpark und birgt einige der schönsten natürlichen Mischwälder Anatoliens, dazu Wasserfälle und eine vielfältige Tierwelt. Die wenigen Bungalows sind schnell ausgebucht, sobald sich im Oktober die Farben zeigen. Wer den Umweg über die Cittaslow-Städtchen Mudurnu und Göynük mit ihren osmanischen Holzhäusern einplant, tut das am besten ohne Zeitdruck.
Tuz Gölü: Der Salzsee mit Flamingokolonie
Zwischen Ankara, Aksaray und Konya breitet sich der Tuz Gölü aus, nach dem Van See der zweitgrösste See der Türkei. Er liegt auf 905 Metern Höhe, ist im Mittel weniger als einen halben Meter tief und zählt mit einem Salzgehalt von über 30 Prozent zu den salzigsten Gewässern der Welt. Rund 70 Prozent des türkischen Speisesalzes stammen von hier. Im Sommer verdunstet ein Grossteil des Wassers und hinterlässt eine gleissend weisse Kruste. Salzliebende Algen färben die Randzonen stellenweise rosa, bei Windstille verwandelt sich die Fläche in einen Himmelsspiegel.
Seit 2013 steht das Sonderschutzgebiet des Sees auf der Tentativliste der UNESCO für das Welterbe. Einer der Gründe: Laut UNESCO-Dossier brüten hier Flamingos in 5000 bis 6000 Nestern, eine der bedeutendsten Kolonien des östlichen Mittelmeerraums. Die Idylle ist allerdings fragil. Dürrejahre und Wasserentnahme für die Landwirtschaft haben den See in den letzten Jahren sichtbar schrumpfen lassen.
Die Weiterreise nach Kappadokien bietet sich an, Göreme liegt rund zwei Autostunden entfernt. Feenkamine, Höhlenkirchen und die Heissluftballone im Morgengrauen verbinden zwei völlig unterschiedliche Naturwelten zu einer Route. Stilvoll übernachtet man etwa im Argos in Cappadocia in Uçhisar, dessen Suiten in historische Höhlenhäuser gebaut sind.
Salda See und Seenregion: Die Seen in der Türkei im Süden
Salda See: Die «Malediven der Türkei» und ihr Mars-Bezug
Im Süden, im Hinterland der Riviera von Antalya, liegt die sogenannte Seenregion. Sie umfasst Teile der Provinzen Afyonkarahisar, Burdur, Isparta und Konya, und kaum irgendwo sonst liegen die Seen in der Türkei so dicht beieinander. Der bekannteste ist der Salda See in Burdur, im Volksmund «Malediven der Türkei» genannt: türkisfarbenes Wasser, bis zu 196 Meter tief, gesäumt von schneeweissen Ufern aus Hydromagnesit.
Dieses Mineral macht den See zum Forschungsobjekt. Im März 2021 bestätigte die NASA, dass die Sedimente und Mikrobialithe des Salda Sees den Ablagerungen im Jezero-Krater auf dem Mars ähnlicher sind als jeder andere bekannte Ort der Erde; dort landete kurz zuvor der Rover Perseverance (Hintergrund bei Live Science). Die Behörden haben den Zugang zu den empfindlichen weissen Stränden deshalb in den letzten Jahren stärker reguliert. Wer schwimmen möchte, informiert sich vor Ort über die freigegebenen Bereiche. Kajakfahren, Wandern und Fotografieren bleiben die schönsten Arten, den See zu erleben.

Eğirdir, Beyşehir und die antiken Städte
Die Region lohnt mehr als einen Tag, denn nirgends lassen sich die Seen in der Türkei so gut mit antiker Kultur verbinden. Am Eğirdir See in Isparta führt ein Damm zur Insel Yeşilada mit ihren alten Steinhäusern und Fischlokalen. Der Beyşehir See ist der grösste Süsswassersee des Landes; an seinem Ufer steht die Eşrefoğlu-Moschee aus dem 13. Jahrhundert, deren Holzsäulenhalle seit 2023 zum UNESCO-Welterbe gehört. Kulturell ergänzen die antiken Städte Sagalassos, wo der restaurierte Antoninische Brunnen wieder Wasser führt, und Kibyra mit seinem monumentalen Medusa-Mosaik die Route. Das ist kein touristisches Beiwerk, sondern ein eindrückliches Zeugnis dessen, was sorgfältige Archäologie sichtbar machen kann.
Van See, Nemrut und Otlukbeli: Die Seen im Osten
Van See: Der grösste See der Türkei
Wer sich bis in den Osten vorwagt, erlebt die Seen in der Türkei von ihrer ursprünglichsten Seite und wird mit drei aussergewöhnlichen Landschaften belohnt. Der Van See ist mit rund 3755 Quadratkilometern der grösste See des Landes und gilt als grösster Sodasee der Welt. Er liegt auf 1640 Metern Höhe und ist bis zu 451 Meter tief. In seinem alkalischen Wasser überlebt nur eine Fischart, die Perlbarbe (Inci Kefalı). Im Mai und Juni wandert sie zum Laichen flussaufwärts, am Bendimahi-Wasserfall bei Muradiye springen dann tausende Fische gegen die Strömung.
Ein ausgedehntes Van-Frühstück mit Dutzenden Schälchen, mit Kräuterkäse, Honig und Kaymak, gehört zu den kulinarischen Erlebnissen, die man kaum irgendwo sonst so findet. Kulturell führt kein Weg an der Insel Akdamar vorbei: Die armenische Heilig-Kreuz-Kirche aus dem 10. Jahrhundert, einst Königskirche des Reiches Vaspurakan, ist mit Reliefs von seltener Ausdruckskraft verziert. Westlich der heutigen Stadt thront die Festung von Van auf einem Felsrücken. Hier lag Tuschpa, die Hauptstadt des Urartäerreichs.
Nemrut Kratersee: Vulkanlandschaft auf 2247 Metern
Im benachbarten Bitlis liegt der Nemrut See auf 2247 Metern Höhe in der Caldera eines ruhenden Vulkans. Er gilt als grösster Kratersee der Türkei, misst gut zwölf Quadratkilometer und ist bis zu 176 Meter tief. Seit 2003 ist die Caldera als Naturdenkmal geschützt, seit 2013 als Ramsar-Feuchtgebiet von internationaler Bedeutung. Neben dem kalten Hauptsee liegt ein kleinerer, von warmen Quellen gespeister See. Die Anreise über Tatvan ist aufwendig, die Kulisse entschädigt dafür.
Otlukbeli See: Rote Travertinterrassen in Erzincan
Weiter nördlich, in der Provinz Erzincan, liegt der Otlukbeli See, entstanden hinter einer natürlichen Travertinbarriere. Als Naturdenkmal geschützt, fällt er vor allem durch seine rote Färbung auf: Das Quellwasser fliesst durch eisenhaltige Erde und taucht die Terrassen in ein ungewöhnliches Licht. Der nahegelegene Girlevik-Wasserfall, der in Stufen durch eine grüne Schlucht fällt, rundet den Abstecher ab.
Beste Reisezeit und Routenplanung für die Seen in der Türkei
September und Oktober sind die idealen Monate für eine Reise zu den Seen in der Türkei. Die Temperaturen sind moderat, die Besucherzahlen sinken nach der Hochsaison spürbar, und in Bolu setzt ab Mitte Oktober die Laubfärbung ein. Für den Osten gilt ein kürzeres Fenster: Am Nemrut See kann ab Ende Oktober Schnee fallen, die Zufahrt ist im Winter oft nicht befahrbar.
Wer mehrere Regionen kombinieren möchte, sollte die Distanzen nicht unterschätzen. Von Bolu bis Van sind es über 1200 Kilometer. Sinnvoller als eine Gesamtrundreise sind drei eigenständige Etappen: der Nordwesten als Verlängerung eines Istanbul-Aufenthalts in vier bis fünf Tagen, Zentralanatolien mit Tuz Gölü, Kappadokien und der Seenregion in rund einer Woche, der Osten mit Inlandflug nach Van in vier bis fünf Tagen. Ab Zürich bestehen tägliche Direktflüge nach Istanbul. Vor Reisen in die östlichen Provinzen lohnt ein Blick in die aktuellen Reisehinweise des EDA. Weitere Inspiration für die Saison bieten unsere Herbsturlaub-Geheimtipps 2026 sowie die Übersicht aller Reiseziele auf TRAVELPEARLS.
TRAVELPEARLS-Tipps
- Beste Reisezeit: Mitte September bis Ende Oktober. Die Herbstfarben in Bolu erreichen meist in der zweiten Oktoberhälfte ihren Höhepunkt; unter der Woche reisen, da Istanbuler die Wochenenden füllen.
- Fotografie am Tuz Gölü: Zum Sonnenuntergang kommen, alte Schuhe tragen (die Salzkruste ist scharfkantig und hinterlässt Spuren) und eine Sonnenbrille nicht vergessen. Den Spiegeleffekt gibt es nur bei Windstille und etwas Restwasser, meist im Frühling und Frühsommer.
- Akdamar ohne Gruppen: Das erste Boot ab dem Hafen von Gevaş nehmen; morgens liegt die Kirche im weichsten Licht.
- Van-Frühstück: In der Frühstücksgasse (Kahvaltı Sokağı) im Zentrum von Van, am besten am Wochenende ab 9 Uhr, wenn die Einheimischen kommen.
- Lavendel statt Herbst: Wer die Lavendelfelder bei Akçaköy nahe dem Salda See sehen möchte, plant die Reise für Ende Juni bis Mitte Juli, im September ist die Blüte vorbei.
- Unterkunft: Die Spannbreite reicht vom Adults-only-Spa am Sapanca See über Fünf-Sterne-Hotels am Abant See bis zu einfachen Bungalows in Yedigöller. Am Salda und Nemrut See ist das Angebot bewusst schlicht, dort lohnt ein Basislager in Burdur beziehungsweise Tatvan.
- Kulinarik: Fisch aus dem Sapanca See, Forelle am Abant See und das legendäre Van-Frühstück.
Häufige Fragen zu den Seen in der Türkei
Welcher ist der grösste See der Türkei?
Der Van See in Ostanatolien ist mit rund 3755 Quadratkilometern der grösste See der Türkei und gilt als grösster Sodasee der Welt. Auf Platz zwei folgt der Salzsee Tuz Gölü in Zentralanatolien.
Wann ist die beste Reisezeit für die Seen in der Türkei?
Mitte September bis Ende Oktober. Dann ist es angenehm temperiert, die Hochsaison ist vorbei, und die Wälder um Abant und Yedigöller färben sich. Hochgelegene Seen im Osten wie der Nemrut See sind von Juni bis Anfang Oktober am besten erreichbar.
Warum wird der Salda See mit dem Mars verglichen?
Die Ufer des Salda Sees bestehen aus Hydromagnesit und Mikrobialithen. Laut NASA ähneln diese Ablagerungen jenen im Jezero-Krater auf dem Mars, dem Landeplatz des Rovers Perseverance, mehr als jeder andere bekannte Ort der Erde.
Welche Seen in der Türkei liegen nahe Istanbul?
Der Sapanca See liegt rund 150 Kilometer östlich von Istanbul und ist in etwa zwei Stunden erreichbar. Der Abant See und der Nationalpark Yedigöller in der Provinz Bolu sind in rund drei bis vier Stunden Fahrt zu erreichen und eignen sich für ein verlängertes Wochenende.
Kann man im Tuz Gölü baden?
Kaum. Der Salzsee ist im Mittel weniger als einen halben Meter tief und trocknet im Sommer grösstenteils aus. Besucher spazieren stattdessen auf der Salzkruste. Zum Schwimmen eignen sich der Salda See in den freigegebenen Bereichen, der Eğirdir See oder der Sapanca See.
Die Seen in der Türkei sind kein Thema, das sich in einer einzigen Reise abhandeln lässt. Sie sind ein Argument dafür, wiederzukommen.
Weiterführende Informationen: Das offizielle Tourismusportal GoTürkiye bietet Karten und Hintergründe zu allen Regionen. Quellen: UNESCO World Heritage Centre (Tentativliste Tuz Gölü, 2013), NASA / Live Science (Salda See, 2021), GoTürkiye, Ramsar-Konvention. Recherche und Text: Guido Käppeli, Stand September 2026. Bildnachweis: GoTürkiye.
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